Stückpool

Neben den Preisträgern 2016 empfiehlt die Jury folgende Texte und hat sie in den Stückepool aufgenommen: 

Jens Raschke  (D)                        mit dem Stück         „Ich bin Kain“

 

Ute Bierbaum (D)                         mit dem Stück         „HASEN-BLUES.STOP.

 

Dimitri Verhulst  (B)                     mit dem Stück         „KONIJN MET PRUIMEN“ 

Michael Alexander Müller  (D)     mit dem Stück         „PRINZENPACK“

 

Ad de Bont                                    mit dem Stück         „Lügen“

                    

Reineke van Hooreweghe (B)     mit dem Stück         „GROTE HOOFDEN KLEINE HAARTJES“

Heleen Verburg  (NL)                  mit dem Stück         „Higher Selfie

 

Eva Rottmann (D)                       mit dem Stück         “ POCAHONTAS (Show must go on)““

 

Thilo Reffert (D)                          mit dem Stück         “Ronny von Welt”

 

Martin Baltscheit (D                    mit dem Stück         “Keine Party für den Tiger”

 

Sergej Gößner (D)                       mit dem Stück         „MONGOS“

Ich bin Kain             von Jens Raschke (D)

Adam und Eva, bei Jens Reschke Mama und Papa, wurden, wie jedermann weiß, von IHM (Gott) aus dem Paradies verbannt. Sie leben nun mit ihrem Erstgeborenen in einer Höhle nahe einem kargen Feld, der brutalen Natur relativ schutzlos ausgeliefert. Der Junge ist anders als seine Eltern, ist von großer Wissbegierde und Neugierde durchdrungen, will alle Dinge benennen und begreifen und entwickelt sich zum Homo Faber. Ohne es zu wissen wiederholt er in den Augen des Herrn jenen Fehler seiner Mutter, der zur Vertreibung führte und über den seine Eltern ihm nie die Wahrheit gesagt haben. In diese Situation hinein wird Abel geboren, vom Naturell her das genaue Gegenteil von Kain: fraglos und gottgefällig fühlt er sich alsbald von IHM angenommen und verbündet sich gegen den Bruder mit dem Allmächtigen.

Der unbedingte Drang nach Aufklärung einerseits und der bedingungslose Wille zum Glauben andererseits stehen sich in Kain und Abel als gegensätzliche Seinsentwürfe gegenüber.

In diesem Stück verdichten sich die großen Themen der Menschheit wie unter einem Brennglas: die Zerbrechlichkeit des Lebens, Moral, Tod, Ausgeliefertsein, Glaube, Liebe, Hass, Neid, Angst… Das Stück stellt die richtigen Fragen und gibt zum Glück keine Antworten. Als solches ist es hervorragend geeignet, ein pubertierendes Publikum, welches einer  komplexen Welt gegenüber steht, zum Selbstdenken anzuregen.

HASEN-BLUES. STOP.               von Uta Bierbaum (D)

Die junge Frau ist Referendarin, ganz schön verpeilt, steht zum ersten Mal alleine vor einer Klasse und soll den jungen Leuten Biologie und wohlmöglich auch noch Sexualkunde beibringen! Sie ist keine von den idealistischen Lehrerinnen, die angetrieben vom pädagogischen Eros in die Klassen stürmen. Unsere Lieblingslehrerin ist da irgendwie so reingeschlittert. Und da steht sie nun, wird von den Schülern kritisch beäugt und kriegt so recht keinen Ton raus, aber wir Leser erfahren alles. Es läuft nämlich ein fantastischer innerer Monolog ab, in dem wir von den Kämpfen dieser jungen Frau erfahren - ein humorvolles Ausleuchten dieser austherapierten Junglehrerinnen-Seele. Eben weil sie sich nicht überlegen fühlt, ist sie das Beste, was dieser Klasse passieren kann. Die, die da vor ihr sitzen, sind selbst nicht frei von Problemen: Finden der Geschlechterrolle, Transgender, sexuelle Erfahrungen, Rollenbilder sind nur ein paar Stichwörter, die wir in Hinblick auf die Schülerschaft nennen können.

HASEN-BLUES. STOP. ist ein ungewöhnlicher Theatertext für junges Publikum. Er erfreut durch schräge Einfälle (Eine Oma entdeckt die Vorzüge modernen Sexspielzeugs, ein Schulpsychologe reitet als Zentaur durch die Gänge), absolut liebenswertes Personal und eine Sprache, die jung ist, ohne sich anzubiedern. Und einer Referendarin zum Verlieben!  Bitte aufführen.

Konijn met Pruimen Kaninchen mit Pflaumen        von Dimitri Verhulst (B)

Sohn Wim nimmt seine neue Freundin Evelyne zum ersten Mal mit zu seinen reichen Eltern. Die leben in einem  großen Haus, fahren einen sehr teuren Wagen, verdienen viel und haben festgefahrene Meinungen. Um sie zu beeindrucken, erfindet Wim etwas über die angebliche ideologische Bedeutsamkeit von Evelynes Arbeitsstelle und deren umweltfreundliche Prinzipen. Und Evelyne steigt auf diese Masche ein und macht es noch etwas dicker -  Lügen, die nicht Stand halten in einer Familie, wo Eltern und Kinder sich gegenseitig ersticken mit unverarbeiteten Traumata und ungelösten Konflikten.

Ein trotz allem komischer Text für Jugendliche über Generationsunterschiede, CO2-foodprints, verloren gegangene und neue Ideale, Lebensgewohnheiten, liberale Eltern und bürgerliche Kinder. Und das Kaninchen mit Pflaumen im Ofen wird immer schwärzer....

Prinzenpack                        von Michael Alexander Müller  (D)

Dieser lebendige Text über die beiden Jungs Gregor und Marek fühlt sich erst mal an wie ein alltägliches Gespräch zwischen ziemlich sportlichen Jugendlichen, die etwas rumschwätzen und Spaß haben. Langsam wird aber deutlich, dass zwischen den beiden eine homo-erotische Beziehung im Gange ist. Dieses  komplexe Thema wird sinnlich und auf eine besondere Weise entfaltet. Man kann als Zuschauer vollkommen mitgehen auf allen Schritten, die die Jungs bewältigen müssen, um sich einander zu nähern. Man hat den Eindruck, man ist Zeuge einer normalen Liebesgeschichte, wo wir alle verschiedenen Stadien miterleben können. Nur betrifft es hier zwei Jungs. “Prinzenpack” enthält  keine Klischees, keinen versteckten erhobenen Zeigefinger; stattdessen ist es ein witziger erfrischender Dialog, der ein großes Thema überzeugend und anrührend zugleich behandelt. In dieser Zeit ist es wichtig, kein Doku-Drama daraus zu machen, sondern etwas,  das jeden Jugendlichen im Publikum erwischt, weil zärtlich und einfühlbar erzählt wird, worüber leider auch heutzutage noch zu viele schweigen wollen.

Lügen           von  Ad de Bont (NL)

In seinem neusten Drama hat Ad de Bont wieder ein großes Thema beim Wickel: den Genozid in Ruanda 1994. Eine unfassbare Geschichte, erzählt über einen Vater und seinen Sohn. Drei Schauspieler spielen die beiden, die vermeintlich lesbische Freundin von Sohn Pio, die gerne forscht und Kriminalgeschichten enträtselt, und Frau Consolata, eine ehemalige Nachbarin und  Genozid-Opfer aus vergangener Zeit. Aber als solche zugleich auch ein Opfer von Vater Leopold, der sich damals an ihrer  Familie vergangen hat. In diesem ergreifenden Text lernt Pio, dass sein Vater eine Vergangenheit hat, die zunächst zu schwer zu besprechen, zu kompliziert zu analysieren scheint. Denn wenn etwas zu Großes zwischen dir und deinem Vater steht, ist es auf einen Schlag nicht mehr möglich, Liebe für ihn zu empfinden. Das Stück beschreibt diesen Prozess bis zu dem Punkt, wo es einen Ausweg gibt, der Zeit und Vergebung heißt.

Und wieder ist es de Bont gelungen einen poetischen, klaren Dialog zu schreiben über eine erschütternde und knallharte Geschichte,  die nicht vergessen werden soll und darf. “Lügen” nimmt das Publikum mit auf eine Reise, die zwar schrecklich ist, deren Hintergründe man aber doch auch irgendwie begreifen kann, weil es letztlich nur eine Geschichte über Menschen ist.

Grote Hoofden Kleine Hartjes   Große Köpfe, kleine Herzen      von  Reineke van Hooreweghe (B)

Wachsen Gedanken, wenn du schläfst?

Fangen alte Träume an zu stinken?

Kann etwas aus dem Kopf fallen?

In ‘Große Köpfe, kleine Herzen’ wandelst du mit in Knies’ Kopf,  einem Kopf, der übervoll ist, wo Gedanken nicht mehr gerade nebeneinander liegen und wo es ab und zu schon anfängt zu schimmeln. Knies will alles bewahren, was in ihrem Kopf herumspukt. Sie hat keinen Platz mehr für die Worte und Lieder ihres Nachbarn Broos, der genau das Gegenteil will: seine Gedanken bei ihr loswerden.

Eine Geschichte für große und kleine Menschen, die die Tür deines Oberstübchens öffnet und dein Herz vollströmen lässt. Ein schöner kleiner ursprünglicher Text, in dem  poetische Sprache und Bilder herrlich miteinander korrespondieren.

Higher selfie                       von Heleen Verburg (NL)

“Higher selfie” handelt davon,  alles zu wollen, aber nicht zu wissen, wo man es suchen muss, oder davon, nichts zu wollen und viel zu müssen. Es geht um Menschen, die schöne Sachen machen wollen und um Menschen, die das Schöne dann wieder zerstören wollen, und vor allem geht es um die Frage, wie wir in Gottesnamen weiter machen sollen in dieser Welt! Der Text ist geschrieben für neun Jugendliche, die auf der Bühne in einem Gemälde stehen. Wir schauen sie an, sie schauen zu uns. Mit ihren Betrachtungen über die Kunst, die Menschheit und ihre eigene Befindlichkeit  stellen sie dauernd Fragen über ihr Selbstbild, ihr Weltbild und ihre eigene Rolle darinnen, ab und zu sehr konkret und wiedererkennbar, dann wieder philosophisch und ungreifbar.

Unbewegliche  junge Leute, die uns  realitätsfremd erscheinen, obwohl ihre Träume, ihre Sehnsüchte, ihre Ängste und Unsicherheiten so ähnlich sind wie die der Zuschauer. Eine wunderbare Stilisierung der Realität. Ein wertvoller und herausfordernder Text für Jugendclubs und Jugendtheaterschulen.

MONGOS                 von Sergej Gößner (D)

„Life would be tragic, if it weren´t funny“. Dieses Zitat des körperbehinderten Physikers Stephen Hawking stellt der recht junge Autor Sergej Gößner seinem Erstlingswerk voran; und damit ist auch schon eine ganze Menge über diese Tragikomödie gesagt, die ein bedrückendes Thema so ernsthaft komisch behandelt, dass es nachdrücklich hängen bleibt.

Zwei schwer erkrankte Jugendliche versuchen ihre Zeit im Krankenhaus zu meistern. Die Gefühle fahren Achterbahn, immer zwischen Hoffen und Bangen. Aber Ikarus und Francis, so die Namen der Hauptfiguren, lassen sich nicht unterkriegen. Den Zumutungen ihres Lebens bieten sie mit Stolz und Humor die Stirn. Die Distanz, aus der heraus die Geschichte erzählt wird, ist mindestens ebenso spannend wie der Inhalt und führt dazu, dass der Leser einen unverstellten Zugang zu seinen Gefühlen bekommt.

MONGOS ist ein Stück voll Lebensgier, jugendlicher Hybris, echter Freundschaft, Tiefe und Humor. Das Zweipersonenstück überzeugt durch erzählerische Kniffe und überraschende Wendungen. Ein beeindruckender Theatertext, der einem breiten Publikum gefallen kann. Prädikat: absolut spielbar.

Pocahontas 2015              von Eva Rottmann (D)

Im Jahre 1607 landen goldhungrige britische Invasoren bei den Eingeborenen Virginias und machen sich das Land und deren Besitzer untertan. Auf dieser historischen Grundlage entwickelt „Die große Pocahontas-Show“ einen vergnüglichen Disput zwischen Mythos und geschichtskritischer Überlieferung: wurde der heldenhafte Usurpator John Smith aus den Klauen der blutrünstigen Indianer von der ihm in Liebe verfallenen Häuptlingstochter Pocahontas gerettet, so wie auch der allseits bekannte Disney-Klassiker die Geschichte verwurstet, oder waren die Ureinwohner und besonders deren Mädchen und Frauen Opfer der Eroberer, die im Namen des Fortschritts Land und Leute skrupellos ausgebeutet haben? In marktschreierischer Show-Attitude mit (schamlos adaptierter) Musik karikieren drei Schauspieler auf sehr unterhaltsame Weise denkbare Schlüsselfiguren dieser historischen Tragödie und leisten nebenbei einen aufklärerischen Beitrag zur heutigen Gender- und Globalisierungsdebatte.

Ronny von Welt                 von Thilo Reffert (D)

Ronny will Ronny genannt werden, weil er eigentlich Hieronymus heißt, und damit ist er, der  in eine neue Klasse kommt, als Mobbingopfer vorprogrammiert. Außerdem neigt er mit seinem Überschuss an Phantasie dazu, die anderen zu überfordern. Ausgegrenzt und sich selbst überlassen sucht er Zuflucht in einem Buch, das er aus der Auslage eines Antiquariats mitgehen lässt und das sich unversehens als Rettungsanker erweist. Denn um seinen Klassenkameraden zu imponieren, erzählt er von nun an die abenteuerlichen Lügen-Geschichten des Barons von „Münchhaufen“  (Ronny hat Probleme mit der Sütterlinschrift) als die angeblichen Kriegsgeschichten seines Opas weiter und wird damit zum begehrten, weil unterhaltsamen Gesprächspartner und Spielkameraden…    Charmant und unaufdringlich führt der Autor mit seiner erfrischend leidensfreien Schüleranekdote den Beweis für die heilende Kraft des Lesens und bereichert so mit seinem Stück gleichermaßen unseren zeitlosen Bildungsauftrag wie die aktuelle Spracherziehungsdebatte. Ein Kinderstück, - optional als Solo im Klassenzimmer spielbar - das Lust aufs Lesen macht! Was will man mehr?

Kein Party für den Tiger              von Martin Baltscheit (D)

Dem Tiger gefällt’s im finsteren Wald, denn alle haben richtig Angst vor ihm. Doch etwas einsam ist er schon, so ganz ohne Freunde. Den anderen geht es nicht viel besser: Das Reh ist scheu, der Maulwurf blind, die Motte ist durchaus unsichtbar und der Bärin geht langsam der Honig aus. Doch dann wird es Licht, denn das Internet kommt zu den Tieren! Es ist weder Mann noch Frau, auch kein Tier, aber es ist sehr attraktiv - das personifizierte Internet eben! Es verspricht Chancen, ewigen Frieden und Liebe, es weiß die Antwort auf alle Fragen und einen Weg für jede Begierde. Alle sind erleuchtet... Doch die Technik hat ihre Nachteile. Ein kleines Missgeschick verbreitet sich rasend schnell über alle Kanäle, und schon ist ein erstes Opfer zu beklagen… Die zunächst so friedlich erscheinende Internetgemeinde fällt hemmungslos übereinander her, denn schließlich weiß nun jeder alles über seinen Nächsten. 
Eine meisterhafte und humorvolle moderne Fabel über die Chancen und Gefahren der modernen Technik. Die besondere Perspektive in Form der Tierfiguren schafft für die Zuschauer eine eigene und trotzdem bekannte Welt. Martin Baltscheit hat wieder einen lustvollen, frechen und überraschend originellen Text geschrieben über ein zeitgenössisches Thema, was uns alle angeht, ohne moralistisch oder belehrend zu sein. Fabelhaft!

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